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Der Lenin von Eisleben - Eine Rettungsgeschichte mit Haken
Es ist der Stoff, aus dem sozialistische Legenden entstehen: Nach dem zweiten Weltkrieg, so heißt es, bewahren Kommunisten und sowjetische Zwangsarbeiter eine riesige Lenin-Büste vor dem Einschmelzen. Sie widersetzen sich damit einem Befehl der Nazis, stellen den Koloss auf den Marktplatz und verehren ihn fortan. Doch diese Rettungsgeschichte hat einen Haken.

Andreas Stedtler entzaubert einen antifaschistischen Mythos der DDR Der Lenin von Eisleben

Rezension Berliner Zeitung

Die Heldenerzählung von der Rettung der Lenin-Statue zu Eisleben passte gut ins Bild, das die DDR von ihrer antifaschistischen Grundlegung pflegte. Klassenbewusste Hüttenwerker und sowjetische "Ost-Arbeiter", so hieß es, hätten in mutiger Aktion das von der Wehrmacht in Puschkino geraubte und 1943 in die Krughütte gebrachte Monument vor dem Einschmelzen bewahrt. Sie vereitelten das Zerlegen oder Sprengen der für den Ofen zu großen Plastik, verbargen sie unter Schrott und Kohle. Als im Herbst 1944 das Verschüttmaterial ausging, alarmierte Walentina Schestakowa, Fremdarbeiterin auf dem Lande und Verbindungsfrau im Untergrund, eine deutsche Widerstandsgruppe. Deren Leiter Robert Büchner warnte den Hütten-Ingenieur, ein NSDAP-Mitglied, unter vier Augen davor, sich an der Statue zu vergreifen - mit Erfolg.Der weitere Fortgang ist verbürgt. Als kommunistischer Bürgermeister sorgte Büchner dafür, dass Lenin am 3. Juli 1945 auf dem Marktplatz zu Eisleben die einrückenden Rotarmisten begrüßte. Der Platz wurde zum sozialistischen Kult- und Weiheort. Als 1991 die Statue vom Sockel gehoben und ins Deutsche Historische Museum abtransportiert wurde, waren längst Zweifel an der Legende laut geworden. Nun hat der Fotojournalist Andreas Stedtler nach sechs Jahren Spurensuche die propagandistische Konstruktion enttarnt.Die Belege sind eindeutig. So fand 1945 bei der Begrüßung der sowjetischen Truppen unterm Lenindenkmal eine solche heroische Tat keine Erwähnung. Büchner setzte die Episode eines Vier-Augen-Gesprächs mit dem "Nazi-Ingenieur" erst in Umlauf, als dieser und andere Beteiligte nicht mehr lebten. Bis in die 1950er kursierte die Rettungslegende nur in der Region. Erst als sie von sowjetischen Zeitungen aufgegriffen und immer variantenreicher ausgeschmückt wurde, als man im Ausland nach Helden mit Namen und Gesicht fragte, handelte die SED-Führung. Das Institut für Marxismus-Leninismus schickte "Ermittler" nach Eisleben. Aber die befragten Hüttenwerker bestätigten die Mär vom versteckten Lenin nicht: Auf dem Bauch liegend, sichtbar für jedermann, habe die Großplastik neben zwei anderen historischen Skulpturen die letzten anderthalb Kriegsjahre überdauert.Bei einem zweiten Befragungs-Anlauf 1959 wurden "unbrauchbare" Zeugen vorher aussortiert, einige wenige ließen sich in die Retter-Rolle heben, gefielen sich darin. Das parteiamtliche "Abschlussprotokoll" wurde zur verbindlichen Helden-Kladde für alle Publikationen zum Thema. Büchner durfte sich als Broschürenautor und referierender Veteran bis an sein Lebensende 1985 zum Hauptretter aufschwingen.Stedtlers spannender Bericht vereint Intrigengeschichte, Politkrimi und Farce. Aber auch Tragisches kommt ans Licht: Die in der Tat mutige Walentina Schestakowa erlitt als "Kollaborantin" nach ihrer Heimkehr Repressalien. Die ihr zugesprochene Rolle als Mitretterin des Lenin-Denkmals war auch ihre eigene Rettung. Beim letzten Besuch in "ihrem" deutschen Dorf kurz vor ihrem Tode 2000 vertraute sie Bekannten an, dass vieles von den Zeitungen erfunden worden sei.Fritz Pleitgen bekennt im freundlichen Vorwort, auch er sei zu DDR-Zeiten bei einer Reportagefahrt der Legende auf den Leim gegangen. Er und Stedtler könnten sich vorstellen, dass die Lutherstadt Eisleben in gebotenem Abstand zum Reformator auch die Reliquie einer überwundenen Herrschaft und eines dubiosen Kapitels Lokalgeschichte aushielte. Ein Eislebener Hotelier bewirbt sich seit langem um den Rückkauf des corpus delicti - als Besuchermagnet für die Kommune und sein Haus. – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/15503748 ©2017

BuchtippAndreas Stedtler:
"Die Akte Lenin. Eine Rettungsgeschichte mit Haken"
192 Seiten, Halle: Mitteldeutscher Verlag 2006,
ISBN: 3-89812-329-4,
Preis: 16,00 Euro.

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